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Louise

  • von

Ich war eine Raupe, die so lange Seide aus ihrem Maul zog, um ihren Kokon zu bauen, bis sie aufgebraucht war und starb.
Ich bin der Kokon.
Ich habe kein Ich.
Ich bin mein Werk.
Ich bin Les Bienvenus, die Skulptur in den Bäumen von Choisy-le-Roi, die Figur in der Spirale, die nicht weiß, wo oben und unten ist.
Wo soll ich ansetzen? Am Rand oder im Zentrum?
Nähere ich mich von außen, verschwinde ich im Wirbel und versinke im Chaos.
Beginne ich in der Mitte, werde ich an den Rand getrieben und bin sichtbar.
Wie viele Bewegungsimpulse gibt es in dieser Spirale? Und kehren sie dann einander um?
Ich bin Maman, die neun Meter hohe Spinnenskulptur aus Stahl und Bronze mit sechsundzwanzig Eiern aus Marmor im Beutel. Die Fruchtbare. Die Nährende. Die Geduldige. Die Beschützerin. Die Reparateurin.
Ich bin Choisy, das marmorne Elternhaus in einem Metallkäfig unter einer überdimensional großen Guillotine; Fallbeil der Gegenwart, das die Vergangenheit von mir abschneidet.
Ich bin Portrait, der aus Stoffen zusammengenähte Kopf, der am Fleischerhaken von der Decke eines Käfigs baumelt, mit sichtbaren Narben notdürftig zusammengehalten, mit hohlen Augen und offenem Mund.
Ich bin Femme Maison, der weibliche Torso mit einem Haus anstelle des Kopfes, eingesperrt und schutzsuchend gleichermaßen.
Ich bin The Destruction of the Father, die rote fleischige Höhle mit Phallusgebirgen, brustähnlichen Wölbungen und latexüberzogenen Knochenresten, Überbleibsel einer kannibalischen Mahlzeit.
Ich bin Filette, das männliche Geschlechtsteil aus Latex und Gips, das sich wie eine Puppe auf dem Arm herumtragen lässt.
Ich bin die geheimnisvolle Zelle, die sich dem Blick nur durch versteckte Lücken und Gucklöcher öffnet, das weiße Kinderhemdchen neben dem übergroßen schwarzen Mantel am Haken, die Eisenpritsche mit dunkler Flüssigkeit, die düsteren Schatten der Glasphiole.
Ich bin das Innere verborgener Räume, angefüllt mit rätselhaften Gegenständen: abgeschnittenen Füßen und Händen aus Marmor, Schröpfgläsern, Spiegeln, antiken Sesseln, aufgespießten Nadeln, abgerollten Wollfäden, Fetzen von Tapisserien und Gobelinstoffen, durchbrochenen weißen Blusen, Unterröcken auf dünnen Bügeln hinter Maschendraht, Chiffonsäcken, die wie abgezogene Häute von der Decke baumeln.

Ich bin der verbotene Ort des Schweigens, der einen anzieht, wie man von einem Abgrund angezogen wird, die Schwelle, die es zu übertreten gilt, um hinter eigene Geheimnisse zu kommen, der geheime Ort unter der Treppe, von dem aus das Kind ein mit roten Tüchern bedecktes Eisenbett beobachtet und die Schrift auf dem bestickten Kopfkissen zu entziffern versucht: Je t´aime.
Ich bin der Thron in The Confessional, die hochaufragenden hölzernen Lanzen in Night Garden.
Ich bin No Exit, die Treppe, die ins Nichts führt.
Ich bin meine Kunst.

(…)


Ursel Bäumer, Louise, Nagel & Kimche, Hamburg 2023. 
Copyright © 2023 Nagel & Kimche

 

 

 

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