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Und das ist also die Cristiani

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Kaum zeigt der Mann aus Cremona auf die Vitrine, wird es still im Raum, als würde gleich ein Geheimnis verraten.
Und das hier ist also die Cristiani.
Zierlicher, kleiner als alle vor ihr und besonders.
Diese eigentümliche Welle, die über den Körper geht.
Pflaumrot. Vom Rücken über die Seite bis zum Hals.
Schöner als alle.
Cristiani? Niemals gehört, sagen die Besucher. Wir sind wegen Stradivari nach Cremona gekommen. Uns geht es um das Mysterium eines großen Meisters, um Werte, die sich in Zahlen ausdrücken, um Hölzer, Lacke und Proportionen, um verlorenes Wissen von Klangrezepten.
Nur mein Blick bleibt am silbernen Schild der Vitrine hängen: Cristiani, gebaut 1700 von Stradivarius. Benannt nach Lise Cristiani, Cellovirtuosin. Geboren 1827 in Paris, gestorben 1853 in Novo-Tcherkask. Mit 26 Jahren.
Ich bin allein wegen dir gekommen. Wahrscheinlich bin ich auch die einzige, die das Zucken bemerkte, als der Mann aus Cremona auf den Glasschrank wies. Ein kurzes Aufblitzen der Augen, ein leises Innehalten, bevor er den Satz formulierte: Und das hier ist also die Cristiani. Kann es sein, dass er deine Geschichte kennt? Dass er gar nicht das Cello meinte, sondern die, die sich mit achtzehn selbst diesen Namen suchte:
Die Cristiani, so steht es in Zeitungsnotizen.
Cristiani: Instrument oder Frau? Verschmelzen hier beide, trotz der Sprache, die das nicht zulassen will?
Die Cristiani, die immer noch klingt und mit ihren Liedern Konzertsäle füllt, Lieder ohne Worte von Mendelssohn, der gewidmet, die mit diesem Cello auf Reisen ging und nie zurückkehrte aus dem endlosen Winter, der erstarrten Landschaft sibirischer Steppen.
Nur das Cello blieb übrig. Könnte es mir doch deine Geschichte erzählen! Erzählen von Nächten auf dem Pazifik, in denen ihr beide so anrührend spieltet, dass selbst Wale angelockt wurden, von Konzerten in Nomadenzelten, von Reisen auf Flüssen und Ritten auf Eis und glitschigem Boden, versunken im Schlamm am Ende der Welt, erschöpft und zermürbt, begraben im Schnee.
So muss ich mich wohl mit Briefen begnügen, mich verlassen auf Zeitungsnotizen und Lithographien zu Reiseberichten, dazu auf ein Lied ohne Worte von Mendelssohn, das fragend endet, als wolle es mir ein Rätsel aufgeben, mir auftragen, das Geheimnis zu lüften um die viel versprechende Künstlerin, die achtzehnjährige Sensation, die schon bald nach ihren ersten Erfolgen aufbricht zu einer Europatournee.
Haben Sie die Cristiani schon gehört?
Haben sie ihre Lithographie gesehen? Hübsch und jung, aus Paris.
Sie hängt jetzt in allen Bilderläden.
Konturen, die zerfließen, sobald ich versuche, dein Leben zusammenzusetzen. Zufälliges aus Musik- und Reisejournalen,kurze Notizen in verstaubten Bänden, mühsame Schnipsel, die kein Bild ergeben.
Cristiani? Doch, da gibt es ein Cello mit diesem Namen. Ein Lied ohne Worte, einer Cristiani gewidmet. Aber sonst? Vielleicht versuchen Sie es mal in Nachschlagewerken, in Kompendien über Musiksolisten?
Das Dunkel löst sich nicht auf, verdichtet sich eher bei dem Gedanken, wie wenig bleibt, was alles und wie viel vergessen wird, wenn niemand deine Geschichte hört, sie aufzeichnet oder weitererzählt. Obwohl ich auch hier nicht sicher sein kann, ob ich die Blätter, die ich gesammelt habe, vielleicht nicht richtig einsortiere oder die Abfolge durcheinander bringe.
Und warum gerade deine Geschichte, dein Name?Vielleicht, weil er mir eine Tür aufschließt. Weil ich glaube, dass es Durchlässe gibt zu Orten und Personen aus früherer Zeit. Ich kann ihnen begegnen, mit ihnen sprechen und ihnen Fragen stellen, auf die mir hier niemand eine Antwort gibt.
Kurz, ich musste dich treffen, deine Spur verfolgen bis hierher ins Museum, zu dem gläsernem Schrank in Cremona, wo die Cristiani heute noch steht, zu Körper gewordener, eigener Ton.
Die Geschichte fängt deshalb noch einmal an, am heiligen Abend, als Elise Chrétien geboren wurde, die sich mit achtzehn Cristiani nennt. Ganz die romantische Künstlerin, die ihren Auftrag erfüllt, die Musik in alle Winkel der Welt zu tragen? Oder einfach nur, weil es besser klingt?
Cristiani, das hört sich besser an als Chrétien. Das klingt nach Italien, nach Venedig, wo Frauen schon längst Oboe und Waldhorn blasen, wo es möglich ist, in Orchestern zu spielen, wo Musik mehr ist als Zeitvertreib. Wichtiger als Haus und Kindererziehung, als Gesellschaftstanz und Handarbeiten. Wo es nicht um die hohen Töne geht, die sanften Bewegungen, die schickliche Stellung zum Instrument, in dem sich bei aller Kunstfertigkeit doch immer die weibliche Schwäche spiegelt.
(Neben Schönheit und Anmut hat sie Talent zum Harfenspiel:
Die Beine geschlossen, die Knöchel bedeckt, graziöse Sitzhaltung, den Kopf leicht geneigt, die schönen Hände auf die Saiten gelegt.)
So entsprecht ihr der Göttin, die sie erwarten, so sammelt ihr Pluspunkte, um den Mann zu finden, der euch in seine Gesellschaft aufnimmt.
Aber ich bin die Cristiani, nicht die Chrétien!
Ich weiß, dass ich wirklich Musik machen will. Ich will komponieren, den Tonsatz studieren. Ich will nur meiner Stimme folgen, die mir sagt, dass ich ab heute Künstlerin bin.
Ist es das? Es einfach zu tun?Ein Appell an den persönlichen Mut, keine Frage der Ringmauern, die dich umgeben?
Das Leuchten, das jeder nur selber sieht: es wahrzunehmen und ihm zu folgen?
(Ich gesteh, dass ich mit Vergnügen eine Reise antrete, die zur Einzigartigkeit meines Künstlerdaseins beiträgt.)
Ab jetzt Fräulein Cristiani, nicht die Chrétien.
Das ist dein Zeichen, dich endgültig abzugrenzen.
Lise Cristiani, eine Pariser Schönheit mit Cello.
Lisa Cristiani, mit dem Cello auf Europatournee.
Louise Cristiani mit ihren erotischen Melodien.
Aber wie heißt du nun wirklich?
Lise oder Lisa, Elise oder Louise? Überall wirst du anders genannt. Ich weiß nicht, wie ich dich anreden soll. Lise Cristiani, steht unter der Lithographie, dem einzigen Bild, auf dem ich dich anschauen kann.
Die Cellistin, mit Umhang und Schleife, einem kostbaren Armband, den Bogen rechts, die linke Hand sanft auf ihr Cello gelegt.
Vergangen und wirklich zugleich. Ein Leben, das scheinbar noch vor dir liegt, zugleich aber längst vorüber ist, ein Bild, auf dem die Zeit stockt, obwohl ich längst weiß, wie es weitergeht. Zermalmte Zeit, bei der mir schwindelig wird, weil ich vermute, dass ich mich mit im Strudel befinde und dies auch für mich Zeichen für Vergänglichkeit sind.
Was übrig bleibt ist ein Cello, von dem ich hier nicht aufzählen will,  wem es später gehörte, nur soviel: dass ich es wieder fand in jenem verglasten Schrank in Cremona, darunter dein Name und deine Daten. Nicht mehr.

(….)

(Aus: Ursel Bäumer, Wenn ich so denke, die Welt, Geest-Verlag 2007)
Copyright © 2007 Geest-Verlag, Vechta-Langförden