Das Projektstipendium des Bremer Autor*innenstipendiums 2021 geht an Ursel Bäumer

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Das Stipendium ist mit 5000 Euro dotiert, darüber hinaus verknüpft mit der Option eines Arbeitsaufenthalts von ein bis sechs Monaten in einem Appartement der Bremer Landesvertretung in Berlin.

Begründung der Jury zur Vergabe des Projektstipendiums an Ursel Bäumer für das Romanprojekt „Maman“:

Eine Künstlerinnenbiographie, die mit großer erzählerischer Kraft das Leben einer Frau entfaltet, die eingeklemmt zwischen Geschlechterrollen, Pflegepflichten und entzogener Vaterliebe und mit gurgelnden Ängsten im Ohr ihren Weg machen muss. Während ihre Protagonistin Teppiche repariert und neu verknüpft, verwebt Ursel Bäumer in ihrem Roman aufs Schönste historische Expertise, Sehnsuchts- und Gefühlswelten und faszinierende Kunstinstallationen. 

In ihrem Roman Maman, der einstimmig von der Jury als bestes Projekt bewertet wurde, beschäftigt sich Ursel Bäumer mit dem Leben der bildenden Künstlerin und Bildhauerin Louise Bourgeois (1911 – 2010). Schon das sehr ansprechende Exposé und der anspruchsvolle Stoff haben die Jurymitglieder sehr beeindruckt; darüber hinaus bot dieses Projekt die mit Abstand reifste literarische Leistung aller eingereichten Bewerbungen. 

In Bäumers Leseprobe, die ein Prologexzerpt sowie den Anfang der Handlung umfasst, werden die Ursprünge einer lebenslänglichen Angst vor Flüssen von Louise herausgearbeitet. Bereits im Prolog zeigt die Autorin, dass es hier nicht nur um ein Romanprojekt über eine Künstlerin geht, sondern dass sich deren Kunst in den Roman einschreibt: In einer Art Prosagedicht sprechen die Kunstwerke, Skulpturen und Installationen, suchen ihren Platz und ihre Bedeutung.
Die Textproben selbst verdeutlichen die erzählerische Kraft dieses Romanprojekts, das die Wahrnehmungen und Erlebnisse von Louise ins Zentrum rückt: Eindringlich schildert Bäumer die zwiespältige Beziehung der jungen Louise zu ihrem Vater, der zurzeit unterwegs ist, also wahrscheinlich mit einer Geliebten in Paris verweilt. Sein leeres Arbeitszimmer wird gleich zu Beginn als das Geheimnisvollste, ein verbotener Ort, der mich anzog eingeführt. Dieser allererste Satz nimmt die Leser*innen unmittelbar für die seinerzeit zwanzigjährige Ich-Erzählerin Louise ein, die sich nicht nur um ihre im Sterben liegende Mutter und den Haushalt kümmern muss, sondern auch um die Reparaturwerkstatt für Tapisserien der Familienfirma, für die sie sogar seit ihrem zwölften Lebensjahr entscheidende Verantwortung trägt, und die, so zeigen die Auszüge aus den späteren Kapiteln des Romans, ihren Weg gehen muss. In diesem narrativen Auftakt zeigt sich aus der Sicht der Jury die überzeugende Anlage des Romanprojekts und das beeindruckende, verheißungsvolle erzählerische Können der Autorin: Der Blick in das verlassene Arbeitszimmer des Vaters weckt nicht nur Neugier auf die weiteren Entwicklungen, sondern erschafft eine unmittelbare, schonungslose Nähe zu der Erzählerin, ohne ihre Biographie bloß historisch auszuschlachten, ohne zu voyeuristisch oder übergriffig und damit unplausibel zu werden. Der Text verwebt ein Frauenleben mit seiner Zeit und der Kunst, er ist flüssig, fantasievoll und sehr poetisch geschrieben und wirkt zugleich federleicht. Für die Jury stand außer Frage, dass Ursel Bäumer für dieses Romanprojekt mit dem Stipendium ausgezeichnet werden muss, und gratuliert der Preisträgerin von Herzen. 

 

Auszug aus dem Romanprojekt „Maman“

Von den vielen Räumen in unserem Haus in Antony war mir Papas Arbeitszimmer immer das Geheimnisvollste, ein verbotener Ort, der mich anzog. Einmal den Füllfederhalter auf der Schreibtischablage verrücken, die Ledermappe mit den Rechnungen berühren, einen Kieselstein in die Hand nehmen und prüfen, wie schwer sich die Glücksmomente in seinem Leben anfühlen, denn jeder Stein der Sammlung in der Holzkiste stand für einen Augenblick des Glücks. Wann immer die Tür einen Spalt offen war, habe ich hineingelugt, aber nie gewagt, den Raum zu betreten. Aber jetzt, wo Maman schon so lange oben krank in ihrem Bett liegt und schläft, Papa unterwegs ist und ich dafür sorge, dass die Arbeiterinnen in der Werkstatt ihr Geld bekommen, die Abrechnungen stimmen und Arztrechnungen pünktlich bezahlt werden, sitze ich an seinem Eichensekretär, auf dem mit Vögeln und kunstvollen Blumenmustern bezogenen Sessel, und niemand hindert mich daran, Schubladen aufzuziehen, Papiere zu durchwühlen, eine Zigarrenkiste mit alten Fotos zu öffnen. Papa als kleiner Junge auf einem Schaukelpferd. Derselbe hohe Haaransatz, die gerade schlanke Nase, die dunklen Augenbrauen. Mein Glück, dass ich solche Ähnlichkeit mit ihm habe.

Schau doch Louis, das Baby ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten, wir nennen es Louise.
Ausgerechnet an Weihnachten muss ich auf die Welt kommen. Keine Austern, kein Champagner in Clamart mit den Großeltern, Bruder Désiré, Madeleine und Jaques und Maurice und den anderen, auch dem Doktor habe ich das Fest verdorben.
Ich sehe, wie Maman beschwörend, besänftigend zu Papa hinüberschaut und erleichtert ist, als sich seine Miene bei dem Gedanken, dass ich aussehe wie er, sichtlich aufzuhellen scheint. Kein Junge, also, sagt Papa und zwirbelt verstimmt an seinem Schnurrbart. Wieder kein Junge. Das dritte Mädchen. Noch einmal streicht seine Hand nervös über den Bart. Und dann höre ich, wie er zärtlich Louis, sagt, das i so in die Länge zieht, dass ein s kaum zu hören ist. Louison, Louisette, Lison noch einmal, als probiere er den Klang des Namens immer wieder neu aus, sehe, wie er ein weiteres Scheit Holz auflegt und noch eins, damit die große Wohnung mit vergoldeten Kronleuchtern, Tapisserien, antiken Möbeln und der gediegenen Holzvertäfelung am Boulevard St. Germain warm wird.

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