Hingefallen, wieder aufgestanden, umgeworfen, aufgesammelt, dahinter das Gefühl, sie müsse noch etwas Großes zusammenbringen. Etwas Großes.
Sie lächelt. Die dunklen tief liegenden Augen schauen durch mich hindurch.
Etwas Großes, sagt sie.
Als wäre sie gereist, um nie anzukommen, nachdem der breite Schlossgraben, auf dem im Sommer sonderbare Spinnen wie auf Schlittschuhen dahingleiten, für immer zugeschüttet ist.
Ich kann an den Abhängen noch immer die weißen Sternblumen sehen, an denen sie vorbeigeht, wenn sie zur Schlucht will, zwischen den krummen Holunderbäumen hindurch, den schmalen Pfad entlang zu den unbekannten wuchernden Pflanzen über Ameisenhügeln und Vogelnestern.
So ein Luxus.
So viel Gras und Birkhühner.
So viel Sommerhimmel.
Kein Gedanke an Kräfteversagen und Müdigkeit.
Jeder Tag mit neuen Plänen, neuen Taten.
Kanäle graben, Inseln anlegen und aus dem tiefgrünen Wasser Muscheln holen, in denen sich Perlen verstecken. Wer fragt da schon, ob Junge oder Mädchen, ob Mann oder Frau?
Die Perlensucher, die ihre Schätze übers Wasser zu fremden Ufern bringen, jeden Tag aufs Neue, in zerrissenen Kleidern, schlammbedeckt, bis an den Hals durchnässt.
Diese unbändige Wildheit.
Meinetwegen, diesen einen Sommer noch. Aber dann hat es ein Ende. Dann muss sie wirklich einmal anfangen, ein vernünftiges Mädchen zu werden.
Artig in die Schule gehen und manierlich mit Eltern und Fräulein spazieren gehen, das stille Mädchen, das stets auf vorgeschriebenem Wege bleibt, mit Scheuklappen vor den Augen und einem unerschöpflichen Vorrat von himmelblau und rosa gestreiften Träumen.
Ist doch klar, dass sie große Schwierigkeiten kriegt.
Aus der kann nichts werden.
Eine, die sich Stelzen baut, um zu den Zigeunern zu fliehen, wenn der Augenblick kommt, die Purzelbäume übt, um bereit zu sein.
Vielleicht wird niemand sie für ein Mädchen halten, wenn sie in den Kleidern ihres Bruders als Schiffsjunge anheuert.
Zugegeben, einen Versuch ist es wert.
Und glaub ja nicht, dass ich nicht auf deiner Seite wäre.
Ich habe nie das Knie gebogen, den stolzen Nacken nie gebeugt!
Wer könnte einer solchen Kriegserklärung nicht erliegen; und das vor hundert Jahren in die Innenseite eines Schrankes im Stift für schwer erziehbare Mädchen eingraviert.
Nein, im Gegenteil. Solange ich diese Stimme höre, weiß ich, sie hätte es getan, sie hätte in den Kleidern ihres Bruders als Schiffsjunge angeheuert, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte. Sie wäre sogar mit einem chinesischen Messerwerfer auf Welttournee gegangen.
Sie lässt sich keine Frauenkleider überziehen, nur weil ihre Mutter es von ihr verlangt, nur weil irgendjemand es von ihr verlangt.
Eine Frau vor hundert Jahren, als nur die Brüder hinausgehen durften ins freie Leben, und sie ihre Ketten schleppen musste
(Und ich muss meine Ketten schleppen.)
Zu Hause, wo man keinen Widerspruch duldet, wo man ihr sagt, was zu sagen ist, ihr Strickzeug für ihre Aussteuer gibt, ihr beibringt, wie man im Sitzen strickt, als Ausstellungsstück auf dem Sofa.
Und strickt und strickt, solange, bis sich der Richtige findet, der ihr sagt, was zu sagen ist, keinen Widerspruch duldet und ihr beibringt, wie man geduldig erträgt.
Und du wirst wohl auch später einmal heiraten und Kinder kriegen.
Dass man die Frau nur als wesenloses Geschöpf betrachtet. Ist das nicht ein himmelschreiendes Unrecht?
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(Aus: Ursel Bäumer, Wenn ich so denke, die Welt., Geest-Verlag 2007)
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